Einsamkeit ist längst nicht nur eine individuelle Herausforderung. Auch die Gestaltung von Wohnquartieren, Nachbarschaften und öffentlichen Räumen beeinflusst, ob Menschen miteinander in Kontakt kommen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich ihrem Umfeld zugehörig fühlen. Genau hier setzt der neue „Wegweiser Quartier und Einsamkeit“ der Wüstenrot Stiftung an.

Der kostenfrei verfügbare Praxisleitfaden richtet sich ausdrücklich auch an Kommunen. Er zeigt, wie Stadt- und Sozialplanung, Quartiersentwicklung, Wohnungswirtschaft, soziale Träger, Vereine und Initiativen gemeinsam dazu beitragen können, Einsamkeit vorzubeugen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Quartiere so gestaltet und belebt werden können, dass Begegnung, Zugehörigkeit und Gemeinschaft im Alltag leichter entstehen.
Einsamkeitsprävention als kommunale Aufgabe
Der Leitfaden macht deutlich, dass Kommunen an zahlreichen Stellen Einfluss nehmen können. Dazu gehören die Gestaltung öffentlicher Räume und niedrigschwelliger Begegnungsorte ebenso wie Sozialplanung, Bauleitplanung oder integrierte Stadtentwicklung. Auch die Unterstützung lokaler Initiativen und die Vernetzung unterschiedlicher Akteure spielen eine wichtige Rolle.
Konkret empfiehlt der Wegweiser unter anderem, Einsamkeit als Querschnittsthema in Planung und Sozialpolitik zu verankern, „soziale Orte“ als Bestandteil der Daseinsvorsorge zu begreifen und vorhandene Planungsinstrumente für die Stärkung sozialer Resilienz zu nutzen.
Zu den genannten kommunalen Instrumenten gehören beispielsweise Wohn- und Quartierskonzepte, lokale Aktionspläne gegen Einsamkeit, Sozialplanung sowie die gezielte Sicherung und Finanzierung von Begegnungsorten, Freiflächen und anderen sozialen Infrastrukturen.
Der Leitfaden bleibt dabei bewusst praxisnah. Zahlreiche Beispiele, Leitfragen, Checklisten und konkrete Handlungsempfehlungen sollen helfen, die Erkenntnisse auf die jeweilige Situation vor Ort zu übertragen. Dabei reicht das Spektrum von kurzfristig umsetzbaren niedrigschwelligen Angeboten bis hin zu längerfristigen Veränderungen in Planung und Verwaltungsstrukturen.
Beispiel aus RLP: Stammtisch gegen Einsamkeit in Bingen
Dass Maßnahmen gegen Einsamkeit nicht immer groß oder aufwendig sein müssen, zeigt ein Beispiel aus Bingen am Rhein. Die Volkshochschule Bingen bietet unter dem Motto „Gemeinsam bist du weniger allein“ einen offenen „Stammtisch gegen Einsamkeit“ an. Alle zwei Wochen kommen Menschen zusammen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Nach Angaben der vorliegenden Projektinformation wird das Angebot fortgesetzt und bereits andernorts aufgegriffen.
Mitinitiiert wurde das Angebot von Annette Hammel, der Ehrenamtsbeauftragten der Stadt Bingen. Die Verbindung von Volkshochschule, kommunaler Ehrenamtsstruktur und einem bewusst niedrigschwelligen Begegnungsangebot zeigt beispielhaft, wie vorhandene örtliche Strukturen für die Einsamkeitsprävention genutzt werden können.
Der Praxisleitfaden und das Binger Beispiel zeigen damit zwei Seiten derselben Aufgabe: Kommunen können Einsamkeit strategisch bei der Gestaltung von Quartieren und sozialen Infrastrukturen berücksichtigen – und zugleich mit einfachen, niedrigschwelligen Angeboten ganz konkret Begegnungen ermöglichen.
Download: Wegweiser Quartier und Einsamkeit (PDF; 179 Seiten, 15,5 MB)
Zum „Stammtisch gegen Einsamkeit“ der VHS Bingen
Informationen zur Ehrenamtsbeauftragten der Stadt Bingen