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Szenarien für Rheinland-Pfalz: Zwischen Dystopie und Utopie

In zwei Sze­na­ri­en beschrei­ben Exper­ten bei­spiel­haft, wie sich Digi­ta­li­sie­rung und Künst­li­che Sys­te­me auf kom­mu­na­les Leben aus­wir­ken könn­ten: einer uto­pi­schen Vari­an­te und einer dys­to­pi­schen.

Die­ser Bei­trag ist ein Aus­zug aus der „Gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me zu den Aus­wir­kun­gen künst­li­cher Sys­te­me und der Digi­ta­li­sie­rung auf das kom­mu­na­le Leben in Rhein­land-Pfalz 2050“. Die gesam­te Stu­die steht unter ea​-rlp​.de/​e​a​r​l​p​d​i​g​i​t​a​l​2​019 zum Down­load als PDF (88 Sei­ten, 18 MB) bereit.

Aus­zug 1 – Künst­li­che Intel­li­genz: Kon­zep­te und Tech­no­lo­gi­en
Aus­zug 2 – Fünf Bei­spie­le: Chan­cen durch KI in Land­wirt­schaft, Gesund­heit, Ehren­amt, Tou­ris­mus und Mobi­li­tät in RLP
Aus­zug 3 – Sze­na­ri­en für Rhein­land-Pfalz: Zwi­schen Dys­to­pie und Uto­pie

Zusam­men­fas­sung

Autorin­nen und Autoren: Mat­thi­as Berg (Fraun­ho­fer IESE), Chris­toph Giehl (Stadt­so­zio­lo­gie TU Kai­sers­lau­tern), Mat­thi­as Koch (Fraun­ho­fer IESE), Mar­tin Mem­mel (DFKI), Annet­te Spel­ler­berg (Lei­tung; Stadt­so­zio­lo­gie TU Kai­sers­lau­tern), Ricar­da Wal­ter (Stadt­so­zio­lo­gie TU Kai­sers­lau­tern); unter Mit­ar­beit von: Stef­fen Hess, Andre­as Jed­litsch­ka, Micha­el Kla­es, Die­ter Ler­ner, Adam Tren­do­wicz (Fraun­ho­fer IESE).

Im Unter­schied zu Sci­ence Fic­tion stel­len Sze­na­ri­en mög­li­che Situa­tio­nen in der Zukunft im Zusam­men­hang mit den Pfa­den dar, die zu die­sen Ent­wick­lun­gen füh­ren. Da die Zu­kunft grund­sätz­lich offen und nicht pro­gnos­ti­zier­bar ist, haben Sze­na­ri­en nicht den An­spruch, „ein umfas­sen­des und rea­lis­ti­sches Bild der Zukunft dar­zu­stel­len“ (Bau­er et al. 2018, 12). Sze­na­ri­en bie­ten aber die Mög­lich­keit, denk­ba­re Hori­zon­te der zukünf­ti­gen Si­tuation zu beschrei­ben, die zudem das Han­deln wider­spie­geln, das zu die­sen Entwicklun­gen geführt hat. Das Ziel der Sze­na­rio-Metho­de ist, Zukunfts­vi­sio­nen zu ent­wer­fen und zu beschrei­ben, die in sich kohä­rent und sta­bil sind und sich gleich­zei­tig von­ein­an­der unter­scheiden, um ein mög­lichst brei­tes Ent­wick­lungs­spek­trum abzu­de­cken. Der Möglichkeits­raum und der sich dar­auf bezie­hen­de Dis­kus­si­ons­pro­zess wer­den dadurch aus­ge­dehnt, ohne unwahr­schein­lich oder absurd zu wer­den. Schon der Pro­zess des Ent­wer­fens för­dert Krea­ti­vi­tät und maß­geb­li­che, kon­kre­te Erkennt­nis­ge­win­ne und Denk­an­stö­ße. Um mit den Sze­na­ri­en wei­ter ver­fah­ren zu kön­nen, ist es sinn­voll, neben der Stim­mig­keit der Endsze­narien die für die zukünf­ti­ge Ent­wick­lung bestim­men­den Ein­fluss­fak­to­ren beson­ders her­auszuarbeiten (Bau­er et al. 2018, 12; Bien­zeisler et al. 2016, Mietz­ner 2009, 95).

Die Sze­na­ri­en, die im Fol­gen­den beschrie­ben wer­den, basie­ren auf den Er­gebnissen eines Exper­ten­work­shops mit dem Titel „Aus­wir­kun­gen künst­li­cher Sys­te­me im Spe­zi­el­len und der Digi­ta­li­sie­rung im All­ge­mei­nen auf das kom­mu­na­le Leben in Rhein­­land-Pfalz im Jahr 2050“, der im Janu­ar 2019 durch­ge­führt wur­de. Die dafür ein­ge­la­de­nen Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer kamen aus den Wis­sen­schafts­dis­zi­pli­nen Stadtsoziolo­gie, expe­ri­men­tel­les Soft­ware Engi­nee­ring, Künst­li­che Intel­li­genz, Raum- und Umweltpla­nung und Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung sowie aus der Pra­xis in die­sen Berei­chen. Da gro­ße Tei­le des Bun­des­lan­des Rhein­land-Pfalz länd­lich geprägt sind, sich vie­le der intel­li­gen­ten Tech­no­lo­gi­en bis­her jedoch auf urba­ne Anwen­dun­gen bezie­hen, wur­de dies bei der Aus­wahl der Exper­ten berück­sich­tigt, von denen sich eini­ge auf den länd­li­chen Raum spezia­lisiert haben.

Das Ziel des Work­shops war, Sze­na­ri­en zu der The­ma­tik „Ver­än­de­run­gen durch KI und Digi­ta­li­sie­rung in Rhein­land Pfalz“ zu ent­wi­ckeln. Die Sze­na­ri­en soll­ten sich um das Jahr 2050 abspie­len und kon­kre­te Inno­va­tio­nen und Ver­än­de­run­gen beinhal­ten, die in ver­schiedenen Lebens­be­rei­chen zu erwar­ten sind. Sie soll­ten sich sowohl auf den städti­schen als auch auf den länd­li­chen Raum bezie­hen und jeweils uto­pisch wie auch dysto­pisch aus­for­mu­liert wer­den.

(Foto: Uns­plash)

Welches sind die treibenden Kräfte im Szenariofeld?

Zu Beginn des Pro­zes­ses war es sinn­voll, jeg­li­che Ein­fluss­fak­to­ren zu defi­nie­ren, die eine wich­ti­ge Rol­le in der Zukunfts­vi­si­on „Rhein­land-Pfalz 2050“ spie­len kön­nen. Anfangs wa­ren dies pri­mär Tech­no­lo­gi­en (KI, Robo­ter VR), wäh­rend des Work­shops kamen klimati­sche und demo­gra­fi­sche Ver­än­de­run­gen dazu. Da das Sze­na­rio­feld sehr breit gefasst ist und nicht nur einen kon­kre­ten Lebens­be­reich ins Auge fasst, war es wich­tig, zuvor zen­tra­le Lebens­be­rei­che und deren Ent­wick­lungs­po­ten­zia­le in das Auf­merk­sam­keits­feld der Teil­nehmerinnen und Teil­neh­mer zu rücken. Bei­spie­le für als rele­vant erach­te­te Berei­che und im Work­shop genann­te Ent­wick­lun­gen sind u.a.: Mobi­li­tät (u.a. auto­ma­ti­sier­te Zah­lun­gen), Arbeit und Wirt­schaft (u.a. glo­ba­le Ungleich­heit nimmt zu, schwim­men­de Gewächs­häu­ser, Ende der Tier­hal­tung), Gesund­heit und Pfle­ge (vor­aus­be­rech­ne­te Lebens­dau­er), Verwal­tung und Sicher­heit (Mini-Wah­len, domi­nan­te Büro­kra­tie), Poli­tik und sozia­le Bewe­gun­gen (ana­log als neue sozia­le Bewe­gung).

Wie könnten sich die Einflussfaktoren in der Zukunft entwickeln?

In die­sem Schritt ist es zen­tral, aktu­el­le Ten­den­zen, vor allem die iden­ti­fi­zier­ten Schlüssel­Einflussfaktoren, in die Zukunft zu pro­ji­zie­ren und die Fol­gen abzu­lei­ten. Hier­bei gilt es, über die herr­schen­de Rea­li­tät hin­aus zu den­ken. Exem­pli­fi­ziert wird das in einer Trichter­form, da ein Ein­fluss­fak­tor zu sehr unter­schied­li­chen Ent­wick­lun­gen füh­ren kann, zum Bei­spiel zu dys­to­pi­schen und uto­pi­schen, wie im hier dar­ge­leg­ten Fall.

Welche zukünftigen Entwicklungen des Szenariofeldes sind denkbar?

Hier­für wur­den die über­zeu­gends­ten Ide­en aus den Zukunfts­pro­jek­tio­nen zu kon­kre­ten Sze­na­ri­en ver­ar­bei­tet. Im Work­shop hat­ten die drei Grup­pen jeweils die Auf­ga­be, ein Sze­nario zu erar­bei­ten, das drei Lebens­be­rei­che (z.B. Ener­gie und Umwelt, Woh­nen sowie Frei­zeit, Kul­tur und Tou­ris­mus), drei Tech­no­lo­gi­en (smar­te Öko­sys­te­me, AR, Data Mining) und drei Bevöl­ke­rungs­grup­pen (Ein­wan­de­rer, Gering­ver­die­ner, Fami­li­en) umfasst. Die in den Klam­mern genann­ten Bei­spie­le betra­fen Grup­pe 2.

Wie hängen die Szenarien zusammen und welche Kräfte wirken?

Die Ant­wort auf die­se Fra­ge wird in den fol­gen­den Unter­ka­pi­teln gege­ben, die die Ausar­beitungen eines uto­pi­schen und eines dys­to­pi­schen Sze­na­ri­os sowie anschlie­ßend eine Syn­the­se beinhal­ten, aus der im Anschluss Hand­lungs­im­pul­se abge­lei­tet wer­den.


Szenario Utopie

Konkreter Rahmen

Die Vor­aus­schau auf die uto­pi­sche Situa­ti­on im Jahr 2050 basiert auf einer durch Poli­tik und Gesell­schaft bewusst gesteu­er­ten Trans­for­ma­ti­on hin zu einer durch digi­ta­le Techno­logien und intel­li­gen­te Algo­rith­men beein­fluss­ten Welt. Ins­be­son­de­re durch die Übertra­gung von Kom­pe­ten­zen auf supra­na­tio­na­le Orga­ni­sa­tio­nen, die Ver­pflich­tung zu Transpa­renz und die bewuss­te Abkehr von pri­vat­wirt­schaft­li­chen öko­no­mi­schen Prin­zi­pi­en bei Ele­menten der Daseins­vor­sor­ge konn­te es gelin­gen, den Ein­fluss mono­po­lis­ti­scher und zent­ralistischer Struk­tu­ren ein­zu­däm­men und eine Balan­ce zwi­schen den Poten­zia­len und den Risi­ken des Ein­sat­zes von Künst­li­cher Intel­li­genz her­zu­stel­len.

(Foto: Uns­plash)

Hier­zu wur­den für die Daseins­vor­sor­ge rele­van­te Infra­struk­tu­ren ver­staat­licht. Bür­ger ha­ben vol­le Daten­ho­heit und bestim­men indi­vi­du­ell und situa­ti­ons­spe­zi­fisch, wann und wel­che Daten geteilt wer­den. Gestützt wird die­se neue Balan­ce zwi­schen Poten­zia­len und Risi­ken durch neue Geset­ze wie der Ver­pflich­tung zu Trans­pa­renz und offe­nen Quell­codes für Diens­te der öffent­li­chen Ver­wal­tung und der Daseins­vor­sor­ge. Algo­rith­men wer­den all­ge­mein als öffent­li­ches Gut betrach­tet. Zudem wer­den reprä­sen­ta­tiv zusammenge­setzte Gre­mi­en ein­ge­setzt, die Algo­rith­men und neu ein­ge­führ­te Tech­no­lo­gi­en hin­sicht­lich die­ser Geset­zes­la­ge sowie ethi­scher und mora­li­scher Über­le­gun­gen bewer­ten und über­wachen.

Durch neue For­men von Arbeit, Mobi­li­tät und poli­ti­scher Teil­ha­be kam es zu einem deut­lichen Bedeu­tungs­ge­winn für den immer attrak­ti­ver gewor­de­nen länd­li­chen Raum. Mit all den Mög­lich­kei­ten der Arbeits­ge­stal­tung, Indus­trie 5.0, VR, AR und neu­en Biotechnolo­gien, den neu­en Mobi­li­täts­for­men, die den öffent­li­chen Nah­ver­kehr ergän­zen, und dem wie­der erstark­ten Gemein­schafts­ge­fühl in den Dör­fern und Quar­tie­ren haben Klein- und Mit­tel­städ­te mit Groß­städ­ten im Hin­blick auf ihre Attrak­ti­vi­tät und Hand­lungs­chan­cen gleich­ge­zo­gen. Es konn­te in den neu­en Regi­men von trans­na­tio­na­len Struk­tu­ren und lo­kalen Demo­kra­ti­en sowie mit­hil­fe intel­li­gen­ter Tech­no­lo­gi­en (etwa bei der auto­ma­ti­schen Über­set­zung oder bei der Bevöl­ke­rungs­ver­tei­lung) auch gelin­gen, den durch Kli­ma­wan­del und glo­ba­le Migra­ti­ons­be­we­gun­gen beding­ten Bevöl­ke­rungs­zu­wachs der­art zu steu­ern, dass trotz der grö­ße­ren Viel­falt eine welt­of­fe­ne­re und tole­ran­te­re Gesell­schaft ent­stan­den ist.

Eine der Vor­aus­set­zun­gen hier­für war, dass die Men­schen ihre Art des Zusam­men­le­bens, soweit mög­lich, genos­sen­schaft­lich und klein­tei­lig orga­ni­siert haben (Quartiersgenossen­schaft in der Stadt, Dorf­ge­nos­sen­schaf­ten auf dem Land). Wohn­raum ist mehr­heit­lich kein Pri­vat­ei­gen­tum mehr, son­dern im Besitz von Genos­sen­schaf­ten. Die Mehr­fa­mi­li­en­häu­ser ver­fü­gen teil­wei­se nicht nur über Wohn­räu­me, son­dern auch über Arbeits­zim­mer, Co-Wor­king Spaces und Hob­by­räu­me (Sport, Pro­duk­tio­nen aller Art, Tausch­räu­me etc.). Die Ge­bäude wer­den zudem für ver­ti­ka­les Far­ming genutzt; sie pro­du­zie­ren nicht nur Nahrungs­mittel, son­dern auch Ener­gie und ver­ar­bei­ten Regen- und Brauch­was­ser. Die Ver­tei­lung von Wohn­raum, Roh­stof­fen und Ener­gie wird durch eine KI nach Bedarf, aber auch nach indi­vi­du­el­len Vor­lie­ben gesteu­ert, wobei die­se ledig­lich Vor­schlä­ge für die Genossen­schaften und Orte unter­brei­tet.

Auf poli­ti­scher Ebe­ne wer­den Dör­fer und Quar­tie­re durch demo­kra­tisch legi­ti­mier­te „Bür­ger­meis­ter“ ver­tre­ten, die Ent­schei­dun­gen auf Basis daten­ge­stütz­ter, ratio­na­ler Bewertun­gen einer Ver­wal­tungs-KI tref­fen. Sie sind in reprä­sen­ta­ti­ve Gre­mi­en ein­ge­bun­den, die sich, wie in den vor­her­ge­hen­den Jahr­zehn­ten, sub­si­di­är zuein­an­der ver­hal­ten (Genossen­schaft, Quar­tier bzw. Dorf etc.). Aller­dings gibt eine KI Inputs, wie Gre­mi­en opti­mal zusam­mengesetzt sein kön­nen. Gemein­de­ver­fas­sun­gen blei­ben Kern­ele­men­te des kommuna­len Lebens; zudem ver­fü­gen Gemein­den auf allen Ebe­nen über mit­tels KI opti­mier­te Geld­, Sach- und Per­so­nal­res­sour­cen. Ver­wal­tun­gen sind, so die­se für grö­ße­re Ein­hei­ten noch benö­tigt wer­den, kom­plett digi­ta­li­siert, Refe­ra­te durch Orga­ni­sa­ti­ons­teams ersetzt. Da Al­gorithmen im Sin­ne der Trans­pa­renz öffent­lich sind, wer­den Ent­schei­dungs- und Steue­rungsprozesse ins­ge­samt als ega­li­tä­rer und demo­kra­ti­scher ein­ge­schätzt als z.B. in den 2020er Jah­ren.

Durch die Zunah­me der Pro­duk­ti­vi­tät durch Auto­ma­ti­sie­rung in qua­si allen Berei­chen der Wert­schöp­fung hat sich die all­ge­mei­ne Arbeits­zeit redu­ziert und das Arbeits­le­ben insge­samt fle­xi­bi­li­siert. Nicht-pro­fit­ori­en­tier­te Ele­men­te wie Genos­sen­schaf­ten, Com­mons, Col­laborating, Tausch und „Sharing“ haben die Markt­wirt­schaft in erheb­li­chem Umfang er­gänzt. Von der Gemein­schaft beschlos­se­ne Kern­ar­beits­zei­ten exis­tie­ren nach wie vor, da die­se auch einen sozia­len Rah­men schaf­fen, der gemein­sa­me Kern- und Frei­zei­ten er­möglicht. Hor­ne Office, ver­schie­de­ne Arbeits­zeit­mo­del­le im Lebens­lauf und digi­ta­le No­maden haben sich durch­ge­setzt. Durch die Arbeits­zeit­ver­kür­zung und ver­än­der­te Arbeits­organisationen und ‑tätig­kei­ten wird ins­ge­samt weni­ger zwi­schen Arbeits­zeit, Sorgetätig­keiten, Enga­ge­ment und Frei­zeit unter­schie­den. Für zivi­les Enga­ge­ment wur­de ein Sys­tem in Form eines indi­vi­du­el­len Gemein­schafts­punk­te-Kon­tos geschaf­fen, in dem für die Genos­sen­schaft bzw. die Gemein­schaft erbrach­te Zeit regis­triert und ver­rech­net wird.

Szenario

Mathi­as Mül­ler wacht aus­ge­ruht in sei­nem Bett auf. Er hat sehr gut geschla­fen, wie er es eigent­lich jede Nacht tut. Er erin­nert sich noch an frü­her, als er ein Teen­ager war, und sich mor­gens, auf­ge­schreckt durch den Klin­gel­ton sei­nes Weckers zu – für sei­ne Begrif­fe – unmensch­li­chen Uhr­zei­ten aus dem Bett quä­len muss­te. Zum Glück gehö­ren die­se Zei­ten der Ver­gan­gen­heit an, denn heu­te wird er, abge­stimmt auf sei­nen natür­li­chen Biorhyth­mus, von leich­ten und sich immer schnel­ler wie­der­ho­len­den Vibra­tio­nen sei­nes Kis­sens geweckt. Die moder­ni­sier­ten, ambi­en­ten Häu­ser sind dar­auf ein­ge­stellt, das Wohl­be­fin­den der Bewoh­ner zum Bei­spiel durch farb­li­che, olfak­to­ri­sche und hap­ti­sche Rei­ze zu maxi­mieren, ohne dabei die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se der ande­ren Haus­halts­mit­glie­der zu be­einträchtigen.

(Foto: Uns­plash)

Für vie­le Aspek­te sei­nes täg­li­chen Lebens hat Mathi­as sich ent­schie­den, sein Lieblings­modell der lizen­zier­ten Kl-basier­ten Assis­ten­ten zu ver­wen­den. Die­ser nutzt einen Algo­rithmus, der auf sei­ne Phy­sio­lo­gie und sei­ne Plä­ne für den Tag abge­stimmt ist, um unter ande­rem sei­ne opti­ma­le Auf­steh­zeit zu bestim­men. Um die­se Infor­ma­tio­nen zur Verfü­gung zu stel­len, hat Mathi­as dem Assis­ten­ten Zugriff auf sei­ne per­sön­li­chen Daten erlaubt, die er immer mit sich führt und über die nur er selbst bestim­men darf. Nach­dem es vor vie­len Jah­ren immer wie­der zu Skan­da­len mit der ille­ga­len Ver­wen­dung per­sön­li­cher Da­ten gekom­men war, konn­te durch den Ein­satz von Regu­la­ri­en, wie der Ver­pflich­tung zu Trans­pa­renz und offe­nen Quell­codes sowie der Rekom­mu­na­li­sie­rung grund­le­gen­der, für die Daseins­vor­sor­ge rele­van­ter Infra­struk­tu­ren ein hohes Maß an Ver­trau­en gegen­über sol­chen per­sön­li­chen Assis­ten­ten sicher­ge­stellt wer­den.

Mathi­as schaut auf die ande­re Sei­te des Bet­tes. Car­men, sei­ne Frau, ist schon aufgestan­den. Sie hat einen etwas ande­ren Rhyth­mus und wird in aller Regel von ihrem KI-Assis­­ten­ten etwas frü­her geweckt. Erholt, frisch und aus­ge­schla­fen steht Mathi­as auf und geht in das Gemein­schafts­zim­mer, wo Car­men und ihr jüngs­tes Kind Leo­nard, der gera­de acht Jah­re alt gewor­den ist, bereits am Früh­stücks­tisch sit­zen und sich unter­hal­ten. Leo­nard berich­tet, dass Mathi­as ihm heu­te die Droh­nen im Wald zei­gen wird.

Das Assis­tenz­sys­tem des Hau­ses hat sein Früh­stück frisch zube­rei­tet. Heu­te Mor­gen ist es eine Inter­pre­ta­ti­on sei­ner Lieb­lings­spei­sen mit erhöh­tem Pro­te­in­ge­halt, damit er für den bevor­ste­hen­den Aus­flug aus­rei­chend mit Ener­gie ver­sorgt ist. Car­men und Leo­nard früh­stücken eige­ne Varia­tio­nen ihres Lieb­lings­es­sens, jede opti­mal ange­passt an per­sön­li­che Vor­lie­ben und den Tages­be­darf. Für Assis­tenz­sys­te­me ist es schon lan­ge kei­ne Hür­de mehr, dass Car­men aus mora­li­schen Grün­den auf gene­tisch modi­fi­zier­te Nah­rung ver­zichtet, Mathi­as die tra­di­tio­nel­len Geschmacks­rich­tun­gen aus sei­ner Kind­heit bevor­zugt und Leo­nard mit Vor­lie­be sämt­li­che von der KI neu design­ten Aro­men durch­pro­biert.

Julia, die mitt­le­re Toch­ter von Mathi­as und Car­men, sowie Sarah, die ältes­te, sind noch nicht auf­ge­stan­den. Die bei­den schla­fen noch, dafür wer­den aber alle den Abend wie­der gemein­sam ver­brin­gen.

Gera­de für Julia ist das spä­te­re Auf­ste­hen nicht unge­wöhn­lich, da sie heu­te ledig­lich eines der Lie­der fer­tig­stel­len will, das sie für eine neue Auf­füh­rung der ört­li­chen Thea­ter­grup­pe kom­po­niert. Danach geht sie sich noch etwas um ande­re Ein­woh­ner küm­mern; also alles in allem ein durch­schnitt­li­cher Tag für sie.

Nach dem Früh­stück denkt Mathi­as dar­an, wie sich die Regi­on in den letz­ten Jah­ren ver­ändert hat, wäh­rend er sich für den Aus­flug mit Leo­nard vor­be­rei­tet. Heu­te wohnt die Fa­milie in einem klei­nen Städt­chen mit knapp 6000 Ein­woh­nern mit­ten im länd­li­chen Nord­pfälzer Berg­land. Aber das war nicht immer so, denn gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist er in Mainz, wo er wäh­rend sei­nes Stu­di­ums Car­men ken­nen gelernt hat­te. Es war Lie­be auf den zwei­ten Blick, denn für Car­men, die von den Phil­ip­pi­nen stammt, ging es nach dem Stu­di­um erst ein­mal wie­der zurück in die Hei­mat. Als es dort aber vor eini­gen Jah­ren zur Über­schwem­mung der meis­ten Inseln kam und die EU ihre Frei­zü­gig­keits­re­ge­lun­gen auf­grund des Kli­ma­wan­dels ange­passt hat­te, ver­ließ Car­men ihre Hei­mat als Kli­ma­flücht­ling und kehr­te an den Rhein zurück – wo sie und Mathi­as sich wie­der begeg­ne­ten. Für die bei­den jun­gen Men­schen hat­te die Groß­stadt alles zu bie­ten, doch wur­de das Land mit all dem tech­ni­schen Fort­schritt immer attrak­ti­ver, sodass sie sich dazu ent­schlos­sen, umzu­ziehen.

Das klei­ne Städt­chen ist heu­te ein belieb­tes tou­ris­ti­sches Aus­flugs­ziel mit attrak­ti­ven An­geboten der Nah­erho­lung, unter ande­rem weil es sich sei­nen his­to­ri­schen und kul­tu­rel­len Charme bei­be­hal­ten hat. Auch wur­de auf­grund des Kli­ma­wan­dels der Wein­bau in der Re­gion ent­deckt, wel­cher, zum Teil als wei­te­res tou­ris­ti­sches Ange­bot, nach wie vor traditio­nell betrie­ben wird.

(Foto: Uns­plash)

Mathi­as ist bereit für sei­nen Aus­flug mit Leo­nard. Sei­ne Früh­stücks­uten­si­li­en sowie der ent­stan­de­ne Schmutz wur­den bereits unauf­fäl­lig von klei­nen, unauf­dring­li­chen und auto­nomen Haus­halts­ro­bo­tern besei­tigt. In der Zwi­schen­zeit ist auch Sarah auf­ge­stan­den – ein Früh­stück wur­de nicht für sie vor­be­rei­tet, da sie so kurz nach dem Auf­ste­hen noch nichts isst. Sarah ist Lebens­mit­tel­ex­per­tin und Köchin; sie berät Men­schen und Restau­rants beim ana­lo­gen und gesun­den Kochen, einer der tou­ris­ti­schen Haupt­at­trak­tio­nen im Städt­chen. Lebens­mit­tel, Essen und Kochen sind zu einem äußerst kom­ple­xen The­ma gewor­den. Zwar ver­ste­hen sich die ver­schie­de­nen Assis­tenz­sys­te­me mitt­ler­wei­le hervor­ragend dar­auf, nicht nur gesun­de, son­dern auch lecke­re Spei­sen vor­zu­be­rei­ten, jedoch hat sich das „ana­lo­ge Kochen“, also die Zube­rei­tung von Spei­sen ohne tech­ni­sche Hilfs­mittel, auf­grund sei­ner sozia­len Kom­po­nen­te und sei­nes Event­cha­rak­ters in vie­len Bevöl­kerungskreisen erhal­ten.

Außer­dem ist Sarah Küm­me­rin und Tuto­rin. Das bedeu­tet, dass sie inner­halb ihrer Quar­tiers­ge­mein­schaft ihre Fähig­kei­ten zur Ver­fü­gung stellt. Heu­te zeigt sie ein paar Interes­sierten aus der Gemein­schaft eini­ge Tricks beim ver­ti­ka­len Far­ming und wie man das auf die­se Art selbst gezo­ge­ne Gemü­se zube­rei­tet. Denn heut­zu­ta­ge kön­nen und wer­den Pil­ze, Kräu­ter, Sala­te, Gemü­se und Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel von jeder­mann mit­hil­fe fla­cher Stän­der­sys­te­me an den Gebäu­de­fas­sa­den selbst gezo­gen. Die Bewäs­se­rung und das Besprü­hen mit Aro­ma­stof­fen für bestimm­te Insek­ten, deren Bestän­de sich durch strik­ten Schutz und hohe Stra­fen für insek­ten­schäd­li­ches Ver­hal­ten gut erholt haben, erfolgt kom­plett auto­ma­ti­siert und nach Bedarf, was zu höhe­ren Ern­ten und wert­vol­le­ren Inhalts­stoffen führt.

Geld bekommt Sarah dafür kei­nes, Küm­me­rer­ar­beit ist immer ehren­amt­lich. Dafür be­kommt sie die inves­tier­te Zeit auf ihrem Gemein­schafts­kon­to gut­ge­schrie­ben, des­sen Gut­haben sie jeder­zeit gegen ande­re Leis­tun­gen ein­tau­schen kann. Gleich­zei­tig über­trägt sie als zer­ti­fi­zier­te Tuto­rin die Unter­richts­stun­de live ins Netz, sodass auch ande­re, phy­sisch nicht anwe­sen­de Men­schen zuse­hen und sich qua­li­fi­zie­ren kön­nen. Die­ses neue Sys­tem ist Teil der lang ersehn­ten und längst über­fäl­li­gen Reform des Bil­dungs­sys­tems. Ler­nen ist indi­vi­du­el­ler, frei­er und selbst­be­stimm­ter gewor­den, die Schu­le ins­ge­samt flui­der. Ri­gide Struk­tu­ren, wel­che längst über­holt waren, wur­den auf­ge­löst. So herrscht heu­te bei­spielsweise bis auf bestimm­te Kern­zei­ten bzw. Kern­blö­cke kei­ne Anwe­sen­heits­pflicht mehr in den Schu­len, wel­che durch das neue Sys­tem vor allem zu sozia­len Lern­or­ten gewor­den sind. Zwar exis­tiert ein gemein­sa­mer Kanon, jedoch basie­ren Ler­nen und Bil­dung zu einem gro­ßen Anteil auf eige­ner Zeit­ein­tei­lung. Bil­dungs­ab­schlüs­se sind dadurch nicht weg­ge­fal­len. Der Weg, die­se zu errei­chen, ist heu­te jedoch durch neue Tech­ni­ken und Lern­um­ge­bun­gen wesent­lich fle­xi­bler und indi­vi­dua­li­sier­ter. Inputs, wie die von Sarah, wer­den durch KI auf Stim­mig­keit hin über­prüft und bei posi­ti­ver Eva­lua­ti­on den jewei­li­gen Lern­in­hal­ten zuge­fügt.

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Typi­scher­wei­se sind Kl-basier­te Assis­ten­ten wie die AI-Bril­le Kern­ele­men­te des neu­en Bil­dungs­sys­tems. Jedes Kind, das in Deutsch­land lebt, kann von sei­ner Schu­le schon ab dem Alter von drei Jah­ren sol­che Assis­ten­ten bekom­men. Es gibt diver­se zer­ti­fi­zier­te Mo­delle, die alle Kin­der kos­ten­los erhal­ten und wel­che aus­ge­tauscht wer­den, sobald neue Ver­sio­nen der Model­le die Markt­rei­fe erlan­gen. Die AI-Bril­le macht im Grun­de nichts an­deres, als dau­er­haft mit dem per­sön­li­chen KI-Assis­ten­ten des Trä­gers zu kom­mu­ni­zie­ren. Sie greift dabei auf einen enorm gro­ßen Fun­dus an Lern­ma­te­ria­li­en aus ver­schie­dens­ten Quel­len (die sowohl von trans­na­tio­na­len als auch von klei­ne­ren Enti­tä­ten wie der Kom­mune oder der Schu­le selbst aus­ge­wählt oder ent­wi­ckelt wur­den) zu und erkennt dank intel­li­gen­ter Algo­rith­men Situa­tio­nen, in denen der Trä­ger neue Lern­er­fah­run­gen macht oder bereits absol­vier­te Lern­er­fah­run­gen trai­niert. Liegt in einer Situa­ti­on das Poten­zi­al einer neu­en Lern­er­fah­rung, so blen­det der KI-Assis­tent über die Bril­le Lern­ma­te­ria­li­en ein, die von digi­ta­len Tuto­ren ver­mit­telt wer­den. Nimmt der Trä­ger die Lern­chan­ce war, so spei­chert der KI-Assis­tent die Infor­ma­ti­on hier­über in der indi­vi­du­el­len „Lern-DNA“ des Trä­gers. Durch die­se Tech­nik ist es unter ande­rem gelun­gen, Qua­li­fi­ka­tio­nen zu erken­nen und Zer­ti­fi­ka­te auto­ma­ti­siert aus­zu­stel­len. Dar­über, dass auch Trai­nings bereits absolvier­ter Lern­er­fah­run­gen doku­men­tiert wer­den, kann das Kom­pe­tenz­ni­veau dau­er­haft erfasst wer­den, wodurch z.B. ein „Job-Fit“, also die Eig­nung für einen bestimm­ten Job, berech­net wer­den kann.

Das Abitur, aber auch ande­re, im Rah­men des lebens­lan­gen Ler­nens mög­li­che Ab­schlüsse, bekommt somit heu­te nicht mehr, wer eine gewis­se Anzahl an Schul­jah­ren ab­solviert und eine Abschluss­prü­fung bestan­den hat, son­dern, wer bestimm­te Lernerfahrun­gen gemacht und in die­sen eine gewis­se Kom­pe­tenz­stu­fe erreicht hat. So stel­len Schu­len heu­te im Wesent­li­chen den Rah­men, um über die defi­nier­ten Lern­er­fah­run­gen dis­ku­tie­ren zu kön­nen, wes­halb sie sich hoher Beliebt­heit erfreu­en. Leh­rer wur­den so im Gro­ßen und Gan­zen zu Initia­to­ren und Mode­ra­to­ren, und der päd­ago­gi­sche und sozia­le Anspruch des Jobs hat im Ver­gleich zum rei­nen fach­li­chen Wis­sen stark zuge­nom­men.

Im Wald: Ökologie, Landwirtschaft

Um Lern­er­fah­run­gen zu machen, geht Mathi­as heu­te mit Leo­nard in den Wald, da die­ser, um das Anfän­ger­ni­veau in „Wir, Natur und Tech­nik“ zu errei­chen, noch eine Lern­er­fah­rung in „Robo­ter-Inter­ak­ti­on“ benö­tigt.

Im Wald ange­kom­men, gibt Mathi­as für Leo­nard ein Bild einer Droh­ne frei, wel­che Leo­nard auf sei­ner AI-Bril­le ange­zeigt bekommt und die es zu iden­ti­fi­zie­ren gilt. Die Droh­ne, nach denen die bei­den gesucht hat­ten – ein auto­no­mer Robo­ter in Form und Grö­ße eines Ko­libris – ist schnell gefun­den. Die klei­ne Maschi­ne wur­de vor eini­gen Jah­ren ent­wi­ckelt und „frei­ge­las­sen“, als der Rück­gang der Bie­nen­po­pu­la­tio­nen einen kri­ti­schen Punkt erreicht hat­te. Heu­te ergän­zen digi­ta­le Koli­bris, deren Anzahl sich umge­kehrt pro­por­tio­nal zur Er­holung der Bie­nen­be­stän­de ent­wi­ckelt, das Öko­sys­tem.

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All die­se Din­ge bekommt Leo­nard gera­de von sei­nem per­sön­li­chen KI-Assis­ten­ten per AI-Bril­le erklärt, wie Mathi­as an sei­nem stau­nen­den und neu­gie­ri­gen Blick auf den Koli­bri in Akti­on erkennt.

In den nahe­ge­le­ge­nen „ana­lo­gen“ Wein­ber­gen, in denen Men­schen zur Erho­lung und nach Aus­gleich suchend mit ihren Hän­den arbei­ten, lernt der Jun­ge anschlie­ßend etwas über die kli­ma­be­ding­te Ver­schie­bung des Wein­baus in die nörd­li­che­ren Zonen der Regi­on und über Unter­schie­de im Aus­se­hen der zu bear­bei­ten­den Wein­ber­ge. Die­se erge­ben sich durch die für Men­schen und Robo­ter unter­schied­li­chen Pfle­ge- und Ern­te­wei­sen.

Zurück im klei­nen Städt­chen: Gesund­heit, Sicher­heit, Ver­wal­tung, Arbeit, Mobi­li­tät Wäh­rend­des­sen berei­tet sich Car­men auf ihren Ter­min mit den Ver­tre­tern der Senio­ren des Stadt­teils vor. Sie haben einen Antrag auf Ein­sicht in die Arbeits­wei­se und Zulas­sungsinformationen eines Algo­rith­mus einer neu­en Gesund­heits-Box gestellt, was jedem Bür­ger per Gesetz zusteht und gestat­tet wer­den muss. Car­men beglei­tet als Bürgermeis­terin des Städt­chens die Senio­ren zum Orts­ver­band der MO (All­ge­mei­ne Algorithmus­Überwachung, dem Ethik­rat mit tech­ni­scher Exper­ti­se) und stellt sicher, dass den älte­ren Men­schen alle Infor­ma­tio­nen zur Ver­fü­gung gestellt und Fra­gen zu ihrer Zufrie­den­heit be­antwortet wer­den.

Grund­sätz­lich müs­sen Tech­no­lo­gi­en, die per­sön­li­che Daten ver­ar­bei­ten, schon seit vie­len Jah­ren von der unab­hän­gi­gen euro­päi­schen Daten­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on CitizenDataProtec­tion zuge­las­sen und bei jeder Ver­än­de­rung neu eva­lu­iert wer­den. Dabei wird unter ande­rem über­prüft, wel­che Trai­nings­da­ten genutzt wur­den, ob die Algo­rith­men diskriminie­rungsfrei arbei­ten und ob die Sicher­heit der Daten gewähr­leis­tet ist. Dar­über hin­aus be­steht das Recht, selbst Ver­fah­ren anhand eige­ner Kri­te­ri­en über­prü­fen zu las­sen. Soll­te sich bei solch einer Über­prü­fung des Algo­rith­mus durch den unab­hän­gi­gen Ver­band zei­gen, dass sein Leis­tungs­um­fang wei­ter reicht als beschrie­ben, so ist es Car­mens Auf­ga­be, recht­li­che Schrit­te ein­zu­lei­ten. Tat­säch­lich sind Anlie­gen die­ser Art eine ihrer Haupttätig­keiten als Bür­ger­meis­te­rin der Stadt. Denn sie wur­de nicht nur gewählt, um, unter­stützt durch eine Ver­wal­tungs-KI, Ent­schei­dun­gen über die Zukunft der klei­nen Stadt zu tref­fen, son­dern auch und vor allem, um die Inter­es­sen ihrer Mit­bür­ger gegen­über Unter­neh­men, Betrü­gern oder feh­ler­haf­ten KI-Ent­schei­dun­gen zu ver­tre­ten.

Car­men steigt in eine auto­no­me Trans­port­kap­sel, in der bereits zwei Senio­ren des Ver­bandes sit­zen. Das prä­zi­se Timing des klei­nen Sharing-Taxis ist längst All­tag, der Besitz pri­va­ter Autos zu einem Hob­by für Lieb­ha­ber gewor­den, da Sharing-Taxis den Individual­verkehr obso­let gemacht haben. So ist stän­dig eine gan­ze Flot­te von Kap­seln auf den Stra­ßen unter­wegs, die, als ver­netz­te Seh­warn­in­tel­li­genz geschaf­fen, stän­dig auf Basis neu­er Anfra­gen indi­vi­du­el­ler KI-Assis­ten­ten opti­ma­le Rou­ten pla­nen, um mög­lichst vie­le Men­schen mit mög­lichst wenig Kap­seln mit so wenig Zwi­schen­stopps wie mög­lich zu trans­por­tie­ren. Car­men muss­te sich die Trans­port­kap­sel nicht ein­mal selbst rufen oder bestel­len, wie es in der Ver­gan­gen­heit bei Ein­füh­rung der Tech­nik noch der Fall war. Die­se Auf­ga­be wird heu­te, neben vie­len wei­te­ren orga­ni­sa­to­ri­schen Tätig­kei­ten, auto­nom von ihrem KI-Assis­ten­ten über­nom­men.

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Alles, was sie zu tun hat­te, um direkt in ein vorfahren­des Taxi ein­stei­gen zu kön­nen, war, ihren Ter­min mit dem Senio­ren­ver­band und den ge­wählten Trans­port­weg zu bestä­ti­gen. Die „Kos­ten“ für das voll­au­to­ma­ti­siert pro­du­zier­te Taxi kann sie, da die fle­xi­blen Trans­port­mit­tel ein öffent­li­ches Gut sind, mit den gesam­melten Punk­ten ihres Gemein­schafts­kon­tos ver­rech­nen oder klas­sisch mit ihrem Bank­konto beglei­chen. Aber selbst die­se Ent­schei­dung kann sie auf Wunsch von ihrem KI­Assistenten über­neh­men las­sen, der auf­grund der Kennt­nis­se ihrer künf­ti­gen Ter­mi­ne so­wie Ein­nah­men und Aus­ga­ben den opti­ma­len Ver­rech­nungs­satz bestim­men kann. Zah­lungsmodalitäten ent­schei­det sie aber lie­ber nach wie vor selbst, auch wenn sie, um die Ent­schei­dung zu tref­fen, ger­ne Emp­feh­lun­gen ihres Assis­ten­ten berück­sich­tigt.

Auf dem Weg sam­melt die Kap­sel noch zwei wei­te­re Senio­ren des Ver­ban­des ein, bevor die Grup­pe am Gebäu­de der MÜ ankommt, wo eben­falls ver­ti­kal Gemü­se gezo­gen wird und auf des­sen Dach Anla­gen zur Selbst­ver­sor­gung mit Ener­gie ange­bracht sind. Ein Küm­me­rer war­tet bereits am Emp­fang auf sie. Car­men kennt den jun­gen und hilfs­be­rei­ten Mann aus Juli­as Thea­ter­grup­pe, ent­spre­chend ist der all­ge­mei­ne Umgang mit­ein­an­der auch infor­mell und offen. Nach­dem die Grup­pe sich in einen Kon­fe­renz­raum bege­ben hat und dort zahl­rei­che per Vir­tu­al Rea­li­ty zuge­schal­te­te Teil­neh­mer aus ande­ren Gemein­den begrüßt hat, schil­dert eine der Senio­ren­nen, die Vor­sit­zen­de des Ver­ban­des, das Anlie­gen.

Vor kur­zem hat­te sich eines der Mit­glie­der des Ver­ban­des, bei dem sich Alters­dia­be­tes aus­zu­bil­den begann, eine neue „Gesund­heits­box“ zuge­legt, mit der er nach Bedarf selbst­ständig sei­nen Gesund­heits­zu­stand über­prü­fen kann. Die­se über­mit­telt die gescann­ten Daten sowie Ergeb­nis­se des Checks an den per­sön­li­chen KI-Assis­ten­ten des Benut­zers sowie auf des­sen Wunsch auch an sei­nen behan­deln­den Arzt.

Die Ein­füh­rung sol­cher Gesund­heits­bo­xen wur­de anfangs kon­tro­vers dis­ku­tiert, jedoch zeig­ten sich schnell die vie­len Vor­tei­le, die sie mit sich brach­ten. War­te­zim­mer in Pra­xen leer­ten sich, da Pati­en­ten nicht mehr stän­dig ihren Arzt auf­su­chen muss­ten, wodurch sich auch zumut­ba­re Ent­fer­nun­gen ver­än­der­ten. Die Ergeb­nis­se der Scans wer­den direkt in der indi­vi­du­el­len Gesund­heits­kar­te einer Per­son abge­spei­chert (über wel­che der Eigentü­mer eben­falls die Daten­ho­heit hat), wodurch zu jeder Zeit eine voll­stän­di­ge Ana­mne­se mög­lich ist. Im Zusam­men­hang damit, dass nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te zu Ange­stell­ten im öf­fentlichen Dienst wur­den, trug dies zu einer enor­men Fle­xi­bi­li­sie­rung und Leistungsstei­gerung des Gesund­heits­we­sens bei.

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Gleich­zei­tig mel­det die Box dem Nut­zer den gemes­se­nen Gesund­heits­zu­stand auf Basis eines ein­fa­chen Ampel­sys­tems zurück, wobei Grün bedeu­tet, dass ein guter Gesundheits­zustand vor­liegt. Bei Gelb wird emp­foh­len, die gescann­ten Daten zur wei­te­ren Ana­mne­se an einen Arzt zu über­mit­teln und Rot signa­li­siert, dass der Benut­zer über das Über­mit­teln der Daten hin­aus drin­gend einen Arzt auf­su­chen soll­te. Das Sys­tem ope­riert auf Basis von Emp­feh­lun­gen und über­mit­telt Daten nie­mals ohne Zustim­mung des Nut­zers an Drit­te.

Da der Seni­or nun Wer­bung für Dia­be­ti­ker­pro­duk­te erhält, stellt sich jedoch die Fra­ge für den Senio­ren­ver­band, ob die Box nicht doch uner­laubt Gesund­heits­da­ten der Nut­zer an Drit­te wei­ter­gibt. Ein mensch­li­cher Ansprech­part­ner der MO wird kon­tak­tiert, der eine abs­trak­te Dar­stel­lung des Algo­rith­mus der Box an der Wand des Kon­fe­renz­raums anzei­gen lässt. Gemein­sam mit sei­nem KI-Assis­ten­ten scannt er nun den Algo­rith­mus und be­stätigt des­sen ein­wand­freie Funk­ti­ons­wei­se. Eine Mar­ke­ting-KI hat offen­sicht­lich Prä­valenzen poten­zi­el­ler Kun­den berech­net, um Wer­bung zu ver­schi­cken.

Car­men und die Grup­pe des Senio­ren­ver­ban­des ver­las­sen, nach­dem sich alle verab­schiedet und dem Mit­ar­bei­ter gedankt haben, das MÜ, stei­gen wie­der in die bereitste­henden Trans­port­kap­seln und fah­ren nach Hau­se.

Auf dem Stadtfest: Soziale Bewegung, Freizeit, Kultur

Wäh­rend Car­men zu Hau­se noch eini­ge Berich­te über den Sta­tus ihres Städt­chens und sei­ner Bewoh­ner liest, wel­che ihr KI-Assis­tent für sie nach Infor­ma­tio­nen der Verwaltungs­KI zusam­men­ge­stellt hat, tref­fen nach und nach die ande­ren Fami­li­en­mit­glie­der ein und unter­hal­ten sich über ihren Tag.

Am Abend ver­lässt die Fami­lie ihre Woh­nung, um auf den Ana­lo­gen Abend des Städt­chens zu gehen. Car­mens Anwe­sen­heit wäre dort obli­ga­to­risch, jedoch gehen die meis­ten Mit­glie­der der Gemein­de, so auch sie, ger­ne dort­hin. Der Ana­lo­ge Abend ist eine Veran­staltung, die regel­mä­ßig statt­fin­det, um das sozia­le Mit­ein­an­der und das Gemeinschafts­gefühl zu stär­ken. Hier­zu tref­fen sich alle in der klei­nen Alt­stadt, wo es ganz klas­sisch um das gemein­sa­me Erleb­nis geht, gemein­sam geges­sen, getrun­ken, gere­det und getanzt wird und ein Aus­tausch von Medi­en, selbst Her­ge­stell­tem und Ide­en statt­fin­det. Normaler­weise gehört Sarah mit einem Info­stand zum Kochen und Julia mit ihrem Thea­ter­spiel zum Bestand­teil des Pro­gramms, doch heu­te haben sich die bei­den extra ver­tre­ten las­sen, um gemein­sam mit der Fami­lie auf das Fest zu gehen.

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Ver­an­stal­tun­gen wie die­se fin­den häu­fig in den Quar­tie­ren und Dör­fern statt. Als sich die Men­schen für die genos­sen­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on vie­ler Lebens­be­rei­che ent­schie­den, ging es nicht nur um die Bewäl­ti­gung von Kri­sen wie glo­ba­len Wan­de­rungs­be­we­gun­gen oder einer Ver­knap­pung von Woh­nun­gen. Mit dem Auf­kom­men von künst­li­chen Syste­men, Fort­schrit­ten in der Robo­tik und der zuneh­men­den Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeit nah­men Stö­run­gen und auch die Angst vor sozia­ler Des­in­te­gra­ti­on und Fremd­be­stim­mung zu. Die Men­schen fürch­te­ten, nicht mehr ver­an­kert zu sein, wenig zu inter­agie­ren und kei­ne Selbst­ver­ant­wor­tung über­neh­men zu kön­nen. Das Genos­sen­schafts­mo­dell erlaubt Teil­habe, Inklu­si­on, Ega­li­sie­rung und Mit­be­stim­mung für alle Mit­glie­der. In ver­schie­de­nen Stu­dien hat sich gezeigt, dass die Men­schen zufrie­de­ner sind, dass sie das Genossenschafts­modell akzep­tie­ren und sich sogar frei­wil­lig küm­mern wür­den, auch ohne Gemeinschafts­punkte zu erhal­ten.

Der ers­te Stopp für die Fami­lie befin­det sich auf dem Markt­platz neben dem Haus der Spi­ri­tua­li­tät, wo ein Freund von Mathi­as ein Wein­lo­kal mit Außen­be­stuh­lung betreibt. Den Rose aus der Regi­on könn­te sogar Leo­nard trin­ken, da Genuss­mit­tel wie Wein heut­zu­ta­ge ohne Schad­stof­fe wie Alko­hol pro­du­ziert wer­den kön­nen. Die­se Neue­rung hat­te bei der Ein­füh­rung zunächst für viel Auf­ruhr gesorgt, bis klar wur­de, dass ein „Rausch“ über an­dere Stof­fe weni­ger gesund­heits­schäd­lich und sogar per VR und AR pro­du­ziert wer­den kann. Sie zah­len per Kar­te und so genie­ßen Car­men, Mathi­as, Sarah, Julia und Leo­nard ihren Abend gemein­sam mit den viel­fäl­ti­gen ande­ren Men­schen in einem klei­nen Städt­chen im Nord­pfäl­zer Berg­land.


Szenario Dystopie

Konkreter Rahmen

Die Vor­aus­schau auf die dys­to­pi­sche Situa­ti­on im Jahr 2050 basiert maß­geb­lich auf dem unge­brems­ten Fort­gang aktu­el­ler nega­ti­ver Ten­den­zen. In Deutsch­land hat sich ein Wirt­schaftssystem ent­wi­ckelt, das als mono­pol- und tur­bo­ka­pi­ta­lis­tisch zu beschrei­ben ist. Pro­fit­ma­xi­mie­rung ist die Maß­ga­be allen unter­neh­me­ri­schen Han­delns, und die Märk­te wer­den von eini­gen weni­gen glo­ba­len Play­ern beherrscht, die ihre jewei­li­ge Bran­che do­minieren. Ihnen ist es gelun­gen, basie­rend auf ihrer Daten­ho­heit aggres­si­ve Geschäfts­modelle zu ent­wi­ckeln, gegen die sich ihre Kon­kur­ren­ten nicht durch­set­zen konn­ten. Die poli­ti­schen Akteu­re waren eben­falls nicht in der Lage, die­sen Ent­wick­lun­gen entgegenzu­wirken. Einer­seits ist es den natio­na­len Regie­run­gen nicht gelun­gen, sich auf Regulati­onsmechanismen bezüg­lich trans­na­tio­nal agie­ren­der Kon­zer­ne zu eini­gen. Ande­rer­seits ist man sich zu spät der Kon­se­quen­zen bewusst gewor­den, die die tief­grei­fen­den Ver­flechtungen pri­vat­wirt­schaft­li­cher Daten­dienst­leis­ter mit den digi­ta­li­sier­ten Verwaltungs­prozessen haben wür­den. Der Neo­li­be­ra­lis­mus konn­te sich zudem durch­set­zen, weil der Bevöl­ke­rung die Fol­gen ihres frei­zü­gi­gen Nut­zungs­ver­hal­tens nicht bewusst waren und auf­grund unzu­rei­chen­der Auf­klä­rung und Vor­teils­an­ge­bo­ten von Sei­ten der Anbie­ter dem unein­ge­schränk­ten Sam­meln ent­per­so­na­li­sier­ter Daten zustimm­te.

Nicht nur öko­no­misch, auch räum­lich und in Bezug auf intel­li­gen­te Pro­zes­se der Daten­verarbeitung und ‑zugrif­fe hat sich eine Zen­tra­li­sie­rung voll­zo­gen: Kommerz‑, Ent­schei­dungs- bzw. Ver­wal­tungs- und Ver­sor­gungs­zen­tren sind die natio­na­len und internationa­len Metro­po­len. Länd­li­che Räu­me sind wei­ter zurück­ge­fal­len und gel­ten als Transfer­räume, da Ein­kom­men nur sel­ten durch Erwerbs­ar­beit in der Pri­vat­wirt­schaft bzw. selbst­ständige Tätig­keit erzielt wird.

Eine Ver­schär­fung des Kli­ma­wan­dels führt in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zu Katastrophen­ereignissen. Zusam­men mit dem anhal­ten­den glo­ba­len Bevöl­ke­rungs­wachs­tum kommt es immer wie­der zu Flucht­be­we­gun­gen, die sich in der Ver­knap­pung geeig­ne­ten Wohn­raums auch in Rhein­land-Pfalz bemerk­bar machen. Nach der weit­ge­hen­den Auf­lö­sung der Mit­telschicht hat sich die Gesell­schaft maß­geb­lich in zwei Grup­pen gespal­ten – in die Privi­legierten und die Nicht-Pri­vi­le­gier­ten. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung zeigt sich in vie­ler­lei Hin­sicht sehr deut­lich, u. a. bezo­gen auf Berufs­tä­tig­keit, Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, Freizeitverhal­ten und Wohn­ver­hält­nis­se.

Szenario

Flo­ra ist 16 Jah­re alt und lebt mit ihrer Fami­lie in einer Aus­stei­ger­kom­mu­ne in der West­pfalz, die aus­schließ­lich von Anti-Digi­ta­len bewohnt wird. Die Grup­pe der Anti-Digi­ta­len hat sich im Ver­lauf der zuneh­men­den Ein­fluss­nah­me intel­li­gen­ter Soft­ware­sys­te­me auf das All­tags­le­ben for­miert. Man lebt zurück­ge­zo­gen in ver­spreng­ten Gemein­schaf­ten, vor­wiegend in länd­li­chen Räu­men. Auch in Flo­ras Reser­vat wur­de das Glas­fa­ser­netz durch die Bewoh­ner gekappt und Funk­schnitt­stel­len wer­den gestört. Der not­wen­di­ge Strom wird selbst erzeugt. Die Gemein­schaft, bestehend aus rund 100 Men­schen, betreibt hauptsäch­lich Sub­sis­tenz­wirt­schaft. Umge­ben ist das Reser­vat von schier end­los schei­nen­den land­wirtschaftlichen Mono­kul­tu­ren, die von Schwär­men intel­li­gen­ter Land­ma­schi­nen bewirt­schaftet wer­den. Von der Aus­saat über die Dün­gung und Bestäu­bung bis hin zur Ern­te über­neh­men die­se sämt­li­che Auf­ga­ben auto­nom.

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Die wei­test­ge­hend aut­ar­ke Aus­stei­ger­kom­mu­ne hat kaum Berüh­rungs­punk­te mit dem Ver­wal­tungs- und Wirt­schafts­sys­tem der übri­gen Gesell­schaft. Von den Leis­tun­gen des Sozi­al- und Gesund­heits­sys­tems, das für die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung nur noch die grund­le­gends­ten Not­wen­dig­kei­ten abdeckt, sind sie aus­ge­schlos­sen. Ledig­lich zu den Be­wohnern der umlie­gen­den Dör­fer besteht spo­ra­disch Kon­takt, wenn die Aus­stei­ger Waren für den all­täg­li­chen Bedarf ein­kau­fen oder für Geld, das sie vor allem für medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung brau­chen, Tei­le ihrer Ern­te ver­kau­fen. Flo­ra weiß, dass man für alles, was über die Grund­ver­sor­gung hin­aus­geht, eine der Metro­po­len auf­su­chen muss. In Rhein­­land-Pfalz ist das Mainz. Vor allem inten­si­ve­re medi­zi­ni­sche Behand­lun­gen und die Ver­sorgung mit den meis­ten Kon­sum­gü­tern kön­nen nur dort erfol­gen. Für Flo­ras Kom­mu­ne ist die Metro­po­le dar­über hin­aus auch für die Ver­wal­tungs­gän­ge rele­vant, auf die man sich mit den Behör­den geei­nigt hat, um eini­ger­ma­ßen unbe­hel­ligt im Reser­vat leben zu dür­fen. Zu die­sem Zweck sind alle Aus­stei­ger-Reser­va­te dazu ver­pflich­tet, in regel­mä­ßi­gen Abstän­den Abge­sand­te in eine Metro­pol­ver­wal­tung zu schi­cken, um dort die Basis­da­ten der Gemein­schaft, wie eine Auf­stel­lung der aktu­el­len Bewoh­ner, Gebur­ten und Ster­be­fäl­le o­der den gesund­heit­li­chen Zustand der Bevöl­ke­rung, ein­zu­pfle­gen.

Flo­ra kennt die Welt außer­halb der Kom­mu­ne haupt­säch­lich aus Erzäh­lun­gen. Daher will sie die­ses „aus­beu­te­ri­sche und unmensch­li­che Sys­tem“, von dem immer die Rede ist, end­lich selbst ken­nen ler­nen. Heu­te darf sie end­lich bei einem der unge­lieb­ten Besu­che in der Stadt dabei sein.

Um dort­hin zu gelan­gen, müs­sen die Bewoh­ner des Reser­vats in das nächst­ge­le­ge­ne Dorf. Die in die Jah­re gekom­me­nen Häu­ser wer­den dort von meh­re­ren Fami­li­en und Ein­zelpersonen zusam­men bewohnt, weil es für die vor­wie­gend nicht-pri­vi­le­gier­te Dorfbevöl­kerung unbe­zahl­bar gewor­den ist, neue Häu­ser zu bau­en. Da die öffent­li­chen Einrichtun­gen eng mit den glo­ba­len Mono­po­lis­ten der Infor­ma­ti­ons­wirt­schaft ver­zahnt sind und rein nach Aspek­ten der Ren­ta­bi­li­tät wirt­schaf­ten, wird die Daseins­vor­sor­ge im länd­li­chen Raum stark ver­nach­läs­sigt. Der Erhalt einer flä­chen­de­cken­den Ener­gie- und Mobilitätsinfrastruk­tur hat sich als beson­ders unren­ta­bel her­aus­ge­stellt. Die Ener­gie­ver­sor­gung der Nicht­Privilegierten funk­tio­niert sehr unzu­ver­läs­sig, da Pro­duk­ti­on und Indus­trie vor­ran­gig be­dient wer­den und sich eine smar­te, dezen­tra­le Infra­struk­tur nicht durch­set­zen konn­te. Re­generative Ener­gie­quel­len wer­den zwar genutzt, die extre­men Kli­ma­schwan­kun­gen unter­binden aber auch hier eine zuver­läs­si­ge Ver­sor­gung.

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Flo­ras Beglei­te­rin erzählt ihr, dass sie von einem der weni­gen Händ­ler, die zwi­schen Dorf und Stadt ver­keh­ren, in die nächs­te Metro­po­le mit­ge­nom­men wer­den. Die­se „flie­gen­den Händ­ler“ sind eine der begrenz­ten Mög­lich­kei­ten, um außer­halb der Stadt an bestimm­te Pro­duk­te zu gelan­gen, da sowohl Logis­tik als auch öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel nicht mehr die Flä­che bedie­nen oder aber sehr teu­er sind.

Flo­ra und ihre Beglei­te­rin stei­gen zu dem Händ­ler in einen alten Klein­trans­por­ter. Ihr Weg führt sie durch die mono­to­ne Land­schaft, vor­bei an Dör­fern, rie­si­gen Fel­dern und Stäl­len. Hier wer­den noch Fleisch- und Milch­pro­duk­te erzeugt, die sich aller­dings nur eine sehr klei­ne Zahl von Men­schen leis­ten kann. Dass sich die Arten­viel­falt in den letz­ten Jahr­zehnten hal­biert hat, wirkt sich auch auf die Pflan­zen­pro­duk­ti­on aus. Die zur Bestäu­bung der Nutz­pflan­zen feh­len­den Insek­ten haben sich nur unzu­rei­chend durch Mikroro­bo­ter er­setzen las­sen, wes­halb welt­weit nur noch weni­ge Sor­ten gen­tech­nisch modi­fi­zier­ter Nah­rungsmittel in Mas­se ange­baut wer­den kön­nen. Sel­te­ne­res Getrei­de, Obst und Gemü­se sind ent­spre­chend teu­rer.

Als sie an einer klei­nen Hüt­te vor­bei­kom­men, die an einem Gleis­bett steht, erzählt der Händ­ler, dass hier vor Jah­ren ein auto­no­mer Was­ser­stoff­zug getes­tet wur­de, der jedoch aus Kos­ten­grün­den nie in den Regel­be­trieb über­führt wur­de. In den Jah­ren der Probefahr­ten, nach­dem die letz­ten Die­sel­zü­ge auf­grund der in astro­no­mi­sche Höhen gestie­ge­nen Die­sel­prei­se schon längst aus­ran­giert waren, setz­ten die Bewoh­ner gro­ße Hoff­nun­gen in die­se Tech­no­lo­gie. Doch nach dem Ver­sa­gen im Auf­bau zuver­läs­si­ger Net­ze zur Elektri­fizierung des Schie­nen­ver­kehrs bedeu­te­te das Aus die nächs­te Ent­täu­schung und damit eine wei­te­re Ver­schär­fung der Mobi­li­täts­si­tua­ti­on.

Zwi­schen den Mais­fel­dern, die bis zum Hori­zont zu rei­chen schei­nen, erblickt Flo­ra eines der Habi­ta­te, in denen pri­vi­le­gier­te Men­schen auf dem Land woh­nen. Die Sied­lung liegt auf einer Anhö­he und hebt sich deut­lich von den übri­gen Dör­fern ab. Auf sat­ten Grün­flä­chen ste­hen moder­ne neben lie­be­voll res­taurierten Gebäu­den, und auf einem zen­tra­len Platz kön­nen sich die Bewoh­ner tref­fen. Das Leben dort stellt sich Flo­ra schön und vor allem ein­fa­cher vor, da es kei­ne schwe­re Arbeit zu geben scheint, die das über­le­ben sichert. Die Sied­lung ist umge­ge­ben von ei­nem hohen Zaun, der mit ver­schie­de­nen Sen­so­ren ver­se­hen ist und am Him­mel schwe­ben eini­ge Über­wa­chungs­droh­nen.

In der Metropole: Soziale Bewegungen, Verwaltung, Sicherheit, Politik

Flo­ra und ihre Beglei­ter errei­chen die Stadt. Zwi­schen den Gebäu­den ist es jetzt im Som­mer uner­träg­lich heiß und man kann vor Smog kaum sehen. Als sie sich durch den Stadt­stau schie­ben, wird Flo­ra auf eine Grup­pe von cir­ca 25 ver­mumm­ten Per­so­nen aufmerk­sam, die Ban­ner tra­gen und einen Slo­gan für Ver­samm­lungs­frei­heit skan­die­rend durch die Stra­ßen zie­hen. Auf eine abfäl­li­ge Äuße­rung des Händ­lers über die­se „Sicherheitsterro­risten“ hin ent­geg­net Flo­ras Beglei­te­rin, dass man sol­che Men­schen frü­her ein­fach als Akti­vis­ten oder enga­gier­te Bür­ger bezeich­net habe. Mit Ein­füh­rung des Soci­al Sco­ring aber, und der beglei­ten­den Kam­pa­gne, wur­den poli­ti­sches Enga­ge­ment und die Kri­tik an den herr­schen­den Zustän­den zuneh­mend stig­ma­ti­siert.

Auf die Fra­ge, was Soci­al Sco­ring eigent­lich sei, reicht der Händ­ler Flo­ra eine hand­li­che AR-Son­nen­bril­le. Auf ein­mal sieht Flo­ra alles viel bun­ter und außer Rekla­me erscheint neben jeder Per­son, die sie ansieht, ein Punk­te­kon­to. Ver­schie­de­ne Bal­ken und Beschrei­bungen geben Aus­kunft über Daten wie den Beruf, das Alter oder die Mel­de­adres­se. Bei den Demons­tran­ten ist die Punk­te­bi­lanz im Ver­gleich sehr nied­rig. Auf ein­mal lau­fen uni­formierte Men­schen auf, die ver­su­chen, den Pro­test gewalt­sam auf­zu­lö­sen. Sie tra­gen ledig­lich die Bezeich­nung „Sicher­heit“ in der AR-Simu­la­ti­on.

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Der Händ­ler und Flo­ras Beglei­te­rin erklä­ren ihr, dass es sich beim Sicher­heits­per­so­nal um die Nach­fol­ger der mitt­ler­wei­le pri­va­ti­sier­ten Poli­zei han­delt. Ins­ge­samt, so der Händ­ler, sei­en sol­che Pro­test­ak­tio­nen inzwi­schen sehr sel­ten gewor­den und fän­den nur noch in den Städ­ten statt. Wo man frü­her z. B. sozia­le Medi­en nutz­te, um gleich­ge­sinn­te Men­schen in allen Tei­len des Lan­des zu mobi­li­sie­ren, erlaubt es das Data Mining heu­te, Kom­munikation, die eine Stö­rung des öffent­li­chen Frie­dens zur Fol­ge haben könn­te, zu erken­nen und zu unter­drü­cken. In der Stadt, wo Men­schen auch direkt, d. h. ohne media­le Ver­mittlung, zusam­men­fin­den kön­nen, erken­nen Über­wa­chungs- und Sicher­heits­sys­te­me un­angepasstes Ver­hal­ten im öffent­li­chen Raum. Auf­ruhr und Mobi­li­sie­rung gegen Überwa­chung wird – wie gera­de gesche­hen – unmit­tel­bar durch Sicher­heits­kräf­te unter­bun­den. Wirk­li­che Ver­bre­chen fin­den jedoch digi­tal statt, sofern die für Cyber­si­cher­heit zustän­di­gen Algo­rith­men über­wun­den wer­den. Die­se Siche­rung sei wich­tig, so Flo­ras Beglei­te­rin, denn die kom­plet­te Ver­wal­tung basiert auf einem zen­tra­li­sier­ten, daten­ge­trie­be­nen Sys­tem, das auf allen Ebe­nen, vom Loka­len bis hin ins Glo­ba­le, wirkt.

Der ursprüng­li­che Gedan­ke der Trans­pa­renz und der demo­kra­ti­schen Nut­zung durch alle wur­de durch den uneinge­schränkten und unkon­trol­lier­ten Zugriff der Welt­kon­zer­ne unter­mi­niert. Als Resul­tat einer schwa­chen Poli­tik herrscht heu­te ein mas­si­ves Abhän­gig­keits­ver­hält­nis des Verwaltungs­sektors von pri­vat­wirt­schaft­li­chen Infor­ma­ti­ons­mo­no­po­lis­ten. Durch die zusätz­li­che Ver­schränkung die­ses Gebil­des aus Wirt­schaft und Ver­wal­tung mit den Medi­en ist die Mani­pulation der öffent­li­chen Mei­nung zur Nor­ma­li­tät gewor­den. Neben simp­len Fake News wer­den dabei Mecha­nis­men der poli­ti­schen Steue­rung, die Bericht­erstat­tung und das ak­tuelle Mei­nungs­bild intel­li­gent mit­ein­an­der ver­knüpft, um Infor­ma­tio­nen gezielt zu streu­en bzw. zu unter­drü­cken. Dass sich die all­ge­mei­ne Über­wa­chung per­sön­li­cher Daten­strö­me und des öffent­li­chen Raums mit­tels Kame­ras, Droh­nen und Sen­so­ren durch­set­zen konn­te, ist in einem vor dem Hin­ter­grund eini­ger ter­ro­ris­tisch moti­vier­ter Anschlä­ge medi­al erzeug­ten Unsi­cher­heits­ge­fühl begrün­det. Aus die­sem Grund gab die Bevöl­ke­rung bereits vor lan­ger Zeit ihr Ein­ver­ständ­nis, Bewe­gungs­da­ten und wei­te­re per­sön­li­che Daten zu erfas­sen und aus­zu­wer­ten.

End­lich kom­men Flo­ra und ihre Beglei­tung am Ziel ihrer Rei­se an: Außen am Gebäu­de, in dem sich der zen­tra­le Daten­kno­ten­punkt des Lan­des Rhein­land-Pfalz befin­det, gibt es ein Mel­de­häus­chen zur Daten­an­nah­me, das aus­sieht wie eine Tele­fon­zel­le. Hier pflegt die Abge­sand­te die Basis­da­ten ihrer Kom­mu­ne manu­ell ein. Man hat sich mit den Behör­den auf die­se Form der ana­lo­gen Ein­ga­be geei­nigt, um sich im Gegen­zug der omni­prä­sen­ten Dau­er­über­wa­chung ent­zie­hen zu kön­nen. Dafür sind die Mit­glie­der der Kom­mu­ne aller­dings auch von der staat­li­chen Grund­ver­sor­gung aus­ge­schlos­sen und müs­sen für alle So­zi­al- und Gesund­heits­leis­tun­gen selbst auf­kom­men. Das Aus­stei­gen aus die­ser Gesell-schaft und somit der Ver­zicht auf Teil­ha­be ist also der ein­zi­ge ver­gleichs­wei­se wider­standsfreie Weg, einer poli­ti­schen Bewe­gung anzu­ge­hö­ren, über­legt Flo­ra.

Außer­dem be­steht im Ver­zicht auf Teil­ha­be eigent­lich kein wirk­li­cher Ver­zicht, denn poli­ti­sche Entschei­dungen wer­den von Exper­ten getrof­fen, die fast aus­schließ­lich aus dem Kreis der Privile­gierten stam­men. Ihnen gibt die KI des Ver­wal­tungs­in­for­ma­ti­ons­sys­tems Entscheidungs­alternativen vor. Die poli­ti­sche Hand­lungs­macht der „nor­ma­len“ Bevöl­ke­rung besteht nur noch in der Wahl von Poli­ti­kern, die für gewis­se Ten­den­zen bei der Aus­wahl von Entschei­dungsalternativen ste­hen.

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Als Flo­ra ihrer Beglei­te­rin bei der Daten­ein­ga­be zusieht, wird sie von einem hüb­schen, gleich­alt­ri­gen Mäd­chen ange­spro­chen. Es wirkt viel sau­be­rer und ordent­li­cher als alle an­deren Men­schen, die Flo­ra bis­her gese­hen hat. Das Mäd­chen stellt sich als Dia­ne vor und fragt, was sie dort tun. Dar­auf­hin erklärt Flo­ra, dass sie aus einer anti-digi­ta­len Kom­mu­ne kom­men und hier ihre Daten ein­pfle­gen. Es ent­spinnt sich eine Unter­hal­tung, die von Di­anes inter­es­sier­ten Nach­fra­gen getrie­ben wird. Flo­ra und ihre Beglei­te­rin beschrei­ben, dass sich ihr Leben dahin­ge­hend von dem in der Stadt unter­schei­de, dass sie selbst ihre Lebens­mit­tel pro­du­zier­ten und nicht von tech­ni­schen Gerä­ten abhän­gig sei­en, was sich Dia­ne kaum vor­stel­len kann. Sie stam­me aus einem Habi­tat hier in der Stadt, einer Gated Com­mu­ni­ty, in der das Leben gänz­lich anders sei. Sie berich­tet von der Arbeit ihrer Eltern, Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten und dem Leben im Habi­tat der Pri­vi­le­gier­ten. Schließ­lich lädt sie Flo­ra und ihre Beglei­ter ein, ihnen ihr Habi­tat zu zei­gen.

In der Gated Community: Gesundheit, Pflege und Wohnen

Auf dem Weg erzählt Dia­ne, dass sie, sobald sie ihr Habi­tat ver­lässt, mit ihrem hohen Soci­al Score und ihrer Erschei­nung auf­fällt. Es gebe eini­ge Men­schen, die ver­such­ten, gegen die Unge­rech­tig­kei­ten die­ses Zwei-Klas­sen-Sys­tems vor­zu­ge­hen, oft­mals mit Ge­walt gegen­über den Pri­vi­le­gier­ten, was wie­der­um dazu füh­re, dass die­se sich noch mehr aus dem gewöhn­li­chen All­tag zurück­zö­gen. Die Ungleich­hei­ten basie­ren maß­geb­lich da­rauf, dass vie­le der Nicht-Pri­vi­le­gier­ten sehr hart für sehr wenig Geld arbei­te­ten – nicht sel­ten in Jobs, die zu unren­ta­bel sei­en, um von Robo­tern oder ander­wei­tig auto­ma­ti­siert aus­ge­führt zu wer­den. Die meis­ten hät­ten jedoch gar kei­ne Arbeit und sei­en auf die staat­liche Grund­ver­sor­gung ange­wie­sen.

Im wei­te­ren Gespräch erfährt Flo­ra, dass der Soci­al Score der Pri­vi­le­gier­ten auch deswe­gen auto­ma­tisch höher ist, da auch sie der tota­len Über­wa­chung in ihren Habi­ta­ten ent­gehen kön­nen. Aller­dings sind der hohe Score und ein bestimm­tes Ver­mö­gen Grund­la­ge, um in die­sen Habi­ta­ten leben zu dür­fen. Die Kin­der, die in die pri­vi­le­gier­te Schicht hinein­geboren wer­den, sind gene­tisch design­te Wunsch­kin­der. Alles kann vor­ent­schie­den wer­den und sie kom­men mit den bes­ten kör­per­li­chen und geis­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen zur Welt. Im Gegen­satz zur Nor­mal­be­völ­ke­rung kön­nen die Pri­vi­le­gier­ten in den Habi­ta­ten über ihre Vital­da­ten und ihre medi­zi­ni­schen Daten, die über ver­schie­de­ne kör­per­in­ter­ne und exter­ne Sen­so­ren sowie ande­re intel­li­gen­te Tech­nik auf­ge­nom­men wer­den, höhe­re Bei­trags­sät­ze selbst bestim­men.

Die Nor­mal­be­völ­ke­rung hat die Mög­lich­keit, die Basis­versorgung, die an stren­ge Kri­te­ri­en der Kran­ken­kas­sen gebun­den ist, durch die Bereit­stellung zusätz­li­cher Daten aus­zu­bau­en. Ab einem gewis­sen Bei­trags­satz erfolgt zudem die Pro­gnos­tik auto­ma­tisch und die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und Pfle­ge ist ins­ge­samt viel bes­ser. Außer­dem erhöht sich durch wesent­lich teu­re­re und gesün­de­re Nah­rung die Le­benserwartung in den pri­vi­le­gier­ten Habi­ta­ten. Flo­ra erfährt zudem, dass die Arbeits­zeit vie­ler Pri­vi­le­gier­ter ver­gleichs­wei­se nied­rig ist, aber gleich­zei­tig exor­bi­tant ent­lohnt wird. Außer­dem sind hoch­qua­li­fi­zier­te Beschäf­ti­gun­gen meist orts­un­ab­hän­gig aus­üb­bar.

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Wäh­rend Dia­ne erzählt, pas­sie­ren sie Indus­trie­an­la­gen, in denen gera­de Schicht­wech­sel ist, Hoch­haus-Ghet­to-Sied­lun­gen und den Umschlag­ha­fen, bis sie schließ­lich das Habi­tat errei­chen. Wie das Habi­tat, das sie auf dem Land gese­hen hat, ist Dia­nes Nach­bar­schaft von einem hohen Zaun umge­ben. Hier ist die intel­li­gen­te Über­wa­chungs­tech­nik aller­dings so gut wie unsicht­bar. Als der alte Trans­por­ter zum Ste­hen kommt, ist eine Ein­heit des Sicher­heits­per­so­nals schon zur Stel­le. Allein auf­grund von Dia­nes Anwe­sen­heit und dank ihrer Erklä­rung kommt eine genaue­re Kon­trol­le von Flo­ra und ihren Beglei­tern über­haupt erst in Fra­ge. Dem Händ­ler wird der Zutritt auf Basis sei­nes Soci­al Scores sofort verwei­gert, bei Flo­ra und ihrer Beglei­te­rin aus dem Reser­vat dau­ert die Über­prü­fung aller­dings län­ger. Es stellt sich her­aus, dass ihre Iden­ti­tät zwar fest­ge­stellt wer­den kann, dass das intel­li­gen­te Ein­lass­sys­tem vom nicht vor­han­de­nen Soci­al Score jedoch ver­wirrt ist. Auch Bewe­gungs­ana­ly­se und Gesichts­er­ken­nung füh­ren zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis. Aus den Daten, die über die bei­den exis­tie­ren, lässt sich ein­fach kein stim­mi­ges Bild konstru­ieren. Das Per­so­nal ver­wei­gert auch ihnen den Zugang.

Auf dem Weg zurück nach Hau­se denkt Flo­ra lan­ge über ihre Begeg­nung mit Dia­ne nach. Sie ist sich bewusst, dass sich die bei­den wohl nie wie­der tref­fen wer­den, da sie kei­ne Mög­lich­keit hat, den Kon­takt her­zu­stel­len. Gleich­wohl kommt sie zu dem Schluss, dass sich trotz völ­lig ver­schie­de­ner Lebens­rea­li­tä­ten die Sicht­wei­sen der Pri­vi­le­gier­ten, Nicht­Privilegierten und digi­ta­len Aus­stei­ger auf die herr­schen­den Umstän­de nicht gänz­lich un­terscheiden.


Synthese

Die Syn­the­se ist eine Aus­wer­tung der bei­den Sze­na­ri­en hin­sicht­lich der Ein­fluss­fak­to­ren (Wel­ches sind die trei­ben­den Kräf­te im Sze­na­rio­feld?) und des Zukunfts­raums (Wie hän­gen die Sze­na­ri­en zusam­men und wel­che Kräf­te wir­ken?). Sie dient einer Fokus­sie­rung auf Ent­wick­lun­gen, die posi­tiv oder nega­tiv beein­fluss­bar sind. Zieht man die Geschwin­digkeit des tech­ni­schen und sozia­len Wan­dels der letz­ten 30 Jah­re in Betracht, wird deut­lich, dass eine detail­lier­te Pro­gno­se über den Zustand in Rhein­land-Pfalz um das Jahr 2050 kaum mög­lich ist.

Eine der maß­geb­li­chen Erkennt­nis­se des Work­shops besteht dar­in, dass trotz man­geln­der Pro­gno­se­fä­hig­keit über den Ein­satz der Tech­no­lo­gi­en in der Zukunft nega­ti­ve oder posi­tive Ent­wick­lun­gen stark von der Akti­vi­tät bzw. Pas­si­vi­tät der Akteu­re aus Poli­tik und Wirt­schaft abhän­gen. Eben­falls auf­fäl­lig ist, dass im Work­shop bei den Zukunfts­sze­na­ri­en hin­sichtlich Digi­ta­li­sie­rung und Künst­li­cher Intel­li­genz kei­ne Tech­nik­fan­ta­si­en ent­wor­fen wur­den, son­dern gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen im Vor­der­grund stan­den. Dies war für die Aus­ar­bei­tung der Sze­na­ri­en ein wich­ti­ger Impuls, der bestä­tigt, dass Tech­nik nie auf nur eine bestimm­te Art genutzt wer­den kann, son­dern dass es sich um einen sozio-tech­ni­­schen Kom­plex han­delt, des­sen Poten­zi­al für das Gemein­wohl sich durch einen verant­wortungsvollen Umgang ent­fal­ten kann.

Aus den Sze­na­ri­en lässt sich ablei­ten, dass Her­aus­for­de­run­gen bedingt durch Klimawan­del und damit zusam­men­hän­gend Bevöl­ke­rungs­zu­wan­de­rung für die Bun­des­re­pu­blik und auch für Rhein­land-Pfalz erwar­tet wer­den. Die­se Inte­gra­ti­ons- und Kli­ma­fra­gen sind nicht direkt mit KI und Digi­ta­li­sie­rung ver­bun­den, kön­nen aber hin­sicht­lich der Aus­wer­tung ver­schiedener Daten rele­vant wer­den, bei­spiels­wei­se was die Vor­her­seh­bar­keit von Flucht­bewegungen, den Kata­stro­phen­schutz und Steue­rungs­sys­te­me in Land- und Forstwirt­schaft (Dür­re, Hoch­was­ser etc.) angeht.

Wei­te­re Her­aus­for­de­run­gen wer­den auf­grund der zuneh­mend älte­ren und nach Einkom­men pola­ri­sier­ten Bevöl­ke­rung im Bereich der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung und Pfle­ge vor­hergesehen. Ande­re, momen­tan nicht abschätz­ba­re Ent­wick­lun­gen und Fort­schrit­te lie­gen zudem in der Gen­tech­nik, die eben­falls indi­rekt mit KI zusam­men­hängt. Da Gene­tik und ihre Inte­gra­ti­on in ande­re Tech­nik- und Lebens­be­rei­che in der Zukunft wich­ti­ge The­men sein wer­den, sind sie hier der Voll­stän­dig­keit hal­ber genannt, wer­den jedoch im wei­te­ren Ver­lauf nicht ver­tieft.

Als gro­ße Gefahr wur­de im dys­to­pi­schen Sze­na­rio eine gesell­schaft­li­che Ent-Dif­fe­ren­zie­­rung in zwei Klas­sen gese­hen, die sich räum­lich in der Mar­gi­na­li­sie­rung des länd­li­chen Raums rei­fi­ziert und bedingt wird durch die Vor­herr­schaft mono­po­lis­ti­scher Wirtschafts­konzerne mit einer Zen­tra­li­sie­rung öko­no­mi­scher Kreis­läu­fe.

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Wird ange­nom­men, dass sich RLP 2050 in einer durch digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en und intelli­gente Algo­rith­men beein­fluss­ten Welt befin­det, so las­sen sich im „glo­ka­len“ Kon­text doch Gestal­tun­gen von Tech­nik erken­nen. Aus der Uto­pie geht her­vor, dass durch die bewuss­te Abkehr von pri­vat­wirt­schaft­li­chen Prin­zi­pi­en bei Infra­struk­tu­ren der Daseins­vor­sor­ge, durch die Ver­pflich­tung zu Trans­pa­renz und durch die Schaf­fung supra­na­tio­na­ler Organi­sationen der Ein­fluss mono­po­lis­ti­scher und zen­tra­lis­ti­scher Struk­tu­ren ein­ge­dämmt wer­den konn­te. Da im Ide­al­fall Algo­rith­men mit Bezug zu öffent­li­chen Belan­gen als öffentli­ches Gut betrach­tet wer­den, ist es sinn­voll, Gre­mi­en ein­zu­set­zen, die Algo­rith­men und neu ein­ge­führ­te Tech­no­lo­gi­en hin­sicht­lich der Geset­zes­la­ge sowie ethi­scher und morali­scher Über­le­gun­gen bewer­ten und über­wa­chen. In der Dys­to­pie wur­de ver­passt, die ak­tuellen glo­ba­len Super­play­er (bei­spiels­wei­se Goog­le, Face­book, Ama­zon) durch interna­tionale Richt­li­ni­en und Vor­ga­ben zu regu­lie­ren. Zudem wur­de ihre wirt­schaft­li­che Stär­ke basie­rend auf Tech­no­lo­gi­en der Daten­ana­ly­se und ‑ver­wer­tung geför­dert, indem man ihnen unein­ge­schränk­ten Zugriff auf die auch für das Gemein­wohl ange­dach­ten Daten­systeme erlaub­te, womit die­se ihre ursprüng­lich sozia­le Funk­ti­on ver­lo­ren. Ent­schei­dend ist fer­ner, dass die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger erfah­ren und mit­be­stim­men, wel­che Daten mit wem geteilt wer­den.

Aus den Sze­na­ri­en kann abge­lei­tet wer­den, dass es Vor­tei­le hat, wenn die Daten dem Gemein­wohl die­nen, und dass sie bei­spiels­wei­se im Bereich der Kran­ken­ver­si­che­rung nicht für Sank­tio­nen benutzt wer­den dür­fen. Ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Umgang mit Daten basiert auf auf­ge­klär­ten Ent­schei­dern, infor­mier­ten Bürger*innen und der Unter­stüt­zung durch „bür­ger­schüt­zen­de Regeln“, die Miss­brauch grund­sätz­lich erschwe­ren. Die­se Auf­klärung und Bera­tung wur­de in der Uto­pie von einer unab­hän­gi­gen öffent­li­chen Stel­le über­nom­men, die für alle Bevöl­ke­rungs­grup­pen ansprech­bar ist (Ver­dacht eines Leaks und Pro­ble­me mit Sys­te­men und Tech­no­lo­gi­en). Die­se Anlauf­stel­len, die auch auf Face­­to-Face-Kon­tak­ten beru­hen, wür­den zudem die Ein­füh­rung des E‑Governments erleich­tern, da sie hel­fen, Ängs­te abzu­bau­en.

Das Poten­zi­al eines daten­ge­trie­be­nen Ver­wal­tungs­sys­tems erleich­tert die Arbeit in den Kom­mu­nen (sie­he Uto­pie), da durch die intel­li­gen­te Aus­wer­tung vor­lie­gen­der Daten Ent­schei­dungs­emp­feh­lun­gen, Ver­glei­che mit ähn­li­chen Vor­ha­ben und Dring­lich­kei­ten zu Rate gezo­gen wer­den kön­nen und damit ein Groß­teil der büro­kra­ti­schen Pro­zes­se ver­ein­facht wer­den kann. Poli­ti­ker und Bür­ger­meis­ter haben damit mehr Zeit für die sozia­len und stra­tegischen Auf­ga­ben inner­halb der Kom­mu­nen. Auch die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­eins­ar­beit und ande­rer ehren­amt­li­cher Tätig­kei­ten kann durch ein daten­ba­sier­tes, intel­li­gen­tes Sys­tem erleich­tert wer­den. Eine vor­stell­ba­re Form des Ehren­amts wäre das in der Uto­pie ver­wen­de­te „Küm­mern“, unter ande­rem nach dem Prin­zip der Hil­fe zur Selbst­hil­fe.

Als wich­ti­ge Pfei­ler für die Attrak­ti­vie­rung des länd­li­chen Raums als Wohn- und Lebens­mittelpunkt gel­ten der Breit­band­aus­bau und Mobi­li­täts­an­ge­bo­te sowohl im Bereich der Lo­gistik als auch im Per­so­nen­ver­kehr. Eine gro­ße Chan­ce für die Kom­mu­nen kann die intel­ligente dezen­tra­le und nach­hal­ti­ge Ener­gie­ver­sor­gung dar­stel­len.

Aus dem Über­wa­chungs­sze­na­rio der Dys­to­pie, ins­be­son­de­re dem Soci­al Sco­ring, das bereits in Tei­len Chi­nas prak­ti­ziert wird, lässt sich ablei­ten, dass das Poten­zi­al des frei­en Inter­nets und vor allem das von Soci­al Media umge­kehrt wer­den kann. An die Stel­le von Mei­nungs­frei­heit und frei­em Online-Jour­na­lis­mus ent­wi­ckel­ten sich die Platt­for­men durch Fake News, Fil­ter­bla­sen, Angst und Unsi­cher­heit zu Instru­men­ten der Über­wa­chung und miss­bräuch­li­chen Steue­rung.

Es ist schwie­rig, aus den Sze­na­ri­en über die Ent­wick­lung von Arbeit Aus­sa­gen abzu­lei­ten. Je nach Bran­che ist eine Los­lö­sung von einem fes­ten Arbeits­platz mit fle­xi­blen Arbeitszei­ten mehr oder weni­ger wahr­schein­lich. Es wird wei­ter­hin Berufs­bil­der mit fes­ter, gere­gel­ter Arbeits­zeit geben. Eine Ände­rung in der Nach­fra­ge nach Kom­pe­ten­zen statt Wis­sen bei den Arbeits­kräf­ten ist vor­stell­bar und damit zusam­men­hän­gend auch eine Anpas­sung der Aus- und Wei­ter­bil­dung hin zu einem erleich­ter­ten lebens­lan­gen Ler­nen.

Die Sze­na­ri­en zei­gen, dass für eine an Lebens­qua­li­tät und sozia­ler Teil­ha­be aus­ge­rich­te­te Gesell­schaft die akti­ve Gestal­tung der sozio-tech­ni­schen Trans­for­ma­ti­on not­wen­dig ist. Dafür bedarf es infor­mier­ter Ent­schei­dungs­trä­ger und Betei­li­gungs­pro­zes­sen auf den ver­schiedenen räum­li­chen Ebe­nen.

Die­ser Bei­trag ist ein Aus­zug aus der „Gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­me zu den Aus­wir­kun­gen künst­li­cher Sys­te­me und der Digi­ta­li­sie­rung auf das kom­mu­na­le Leben in Rhein­land-Pfalz 2050“. Die gesam­te Stu­die steht unter ea​-rlp​.de/​e​a​r​l​p​d​i​g​i​t​a​l​2​019 zum Down­load als PDF (88 Sei­ten, 18 MB) bereit.

Aus­zug 1 – Künst­li­che Intel­li­genz: Kon­zep­te und Tech­no­lo­gi­en
Aus­zug 2 – Fünf Bei­spie­le: Chan­cen durch KI in Land­wirt­schaft, Gesund­heit, Ehren­amt, Tou­ris­mus und Mobi­li­tät in RLP
Aus­zug 3 – Sze­na­ri­en für Rhein­land-Pfalz: Zwi­schen Dys­to­pie und Uto­pie

Zusam­men­fas­sung

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